Liebesgedichte von Christian Morgenstern

Schauder

Jetzt bist du da, dann bist du dort.
Jetzt bist du nah, dann bist du fort.
Kannst du’s fassen? Und über eine Zeit
gehen wir beide die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb?…
Komm, schließ die Augen, und hab mich lieb!

Abschied

Es ist vielleicht das letzte Mal,
daß deine Hand in meiner ruht …
So nah dein Blut an meinem Blut …
O wüßtest du von meiner Qual!

Du aber lächelst hell und gut
mit deiner Augen stillem Strahl …
Du Wandrer weißt nicht, wie es tut:
Es ist vielleicht das letzte Mal!

Winternacht

Flockendichte Winternacht …
Heimkehr von der Schenke …
Stilles Einsamwandern macht,
daß ich deiner denke.

Schau dich fern im dunklen Raum
ruhn in bleichen Linnen …
Leb ich wohl in deinem Traum
ganz geheim tiefinnen? …

Stilles Einsamwandern macht,
daß ich nach dir leide …
Eine weiße Flockennacht
flüstert um uns beide …

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar

des abends noch wie Kohle war,

betrübte sich so höllenheiß,

weil seine Dame Flügel spielte,

trotzdem er heulte: daß (o Preis

dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)

er beim Gekräh der Morgenhähne

aufstand als wie ein hoher Greis

mit einer silberweißen Mähne.

Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält’s nicht aus,
hält’s nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt auf dem Grund
seines ewigen Du.

Du bist mein Land

Du bist mein Land,
ich deine Flut,
die sehnend dich ummeeret;
Du bist der Strand,
dazu mein Blut
ohn’ Ende wiederkehret.
An dich geschmiegt,
mein Spiegel wiegt
das Licht der tausend Sterne;
und leise rollt
dein Muschelgold
in meine Meergrundferne.

Ich liebe dich, Seele, die da irrt

Ich liebe dich, du Seele, die da irrt
im Tal des Lebens nach dem rechten Glücke,
ich liebe dich, die manch ein Wahn verwirrt,
der manch ein Traum zerbrach in Staub und Stücke.
Ich liebe deine armen wunden Schwingen,
die ungestoßen in mir möchten wohnen;
ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen;
ich möchte dich in allen Tiefen schonen.

Morgen

15. August 1896.
Nun sind die Sterne wieder.
von blaßblauer Seide verhüllt,.
nun Näh‘ und Ferne wieder.
von junger Sonne erfüllt..
Ihr weißen Wasser, die ihr.
hinab zur Ebne springt,.
oh sagt den Freunden, wie mir.
das Herz heut singt und klingt.

Lieb ohne Worte

„Mich erfüllt Liebestoben zu dir!

Ich bin deinst

als ob einst

vereinigst.

Sei du meinst!

Komm Liebchenstche zu mir –

ich vergehste sonst

sehnsuchstgepeinigst.

Achst, achst, schwachst schwachst arms Wortleinstche, was? —

Genug denn, auch du, auch du liebsest.

Fühls, fühls ganzst ohne Worte: sei Meinstlein!

Ich sehne dich sprachlosestest.“

Hochsommernacht

Es ist schon etwas, so zu liegen,
im Aug der Allnacht bunten Plan,
so durch den Weltraum hinzufliegen
auf seiner Erde dunklem Kahn!

Die Grillen eifern mit den Quellen,
die murmelnd durch die Matten ziehn;
und droben wandern die Gesellen
in unerhörten Harmonien.

Und neben sich ein Kind zu spüren,
das sich an deine Schulter drängt,
und ihr im Kuß das Haar zu rühren,
das über hundert Sterne hängt …

Es ist schon etwas, so zu reisen
im Angesicht der Ewigkeit,
auf seinem Wandler hinzukreisen,
so unaussprechlich eins zu zweit …

Der Traum

Es war ein süßer Traum
von Dir, –
was, weiß ich kaum.
Doch seine Süßigkeit
blieb mir
den ganzen Tag, –
daß, als mein Schlittengleis
zur Abendzeit
die Straße lief,
da deine Wohnung lag,
der Heide, ich,
ein leis
>Gott segne dich<
als jenes süßen
Traumes letztes Grüßen
rief.

Hier im Wald mit dir zu liegen

Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet,
in das Flüstern, in das Rauschen
leise liebe Worte mischend,
öfter aber noch dem Schweigen
lange Küsse zugesellend,
unerschöpflich – unersättlich,
hingegebne, hingenommne,
ineinander aufgelöste,
zeitvergeßne, weltvergeßne.
Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet.